Arbeitsort Ulrich_Nordkap nahe Ibsen

Textarbeit



Keine Haltbarkeit der Formen
Kein Aberglaube
Kein Schicksal
Keine Fügung
Kein Heil
Nur eine Straße als eine Sackgasse
An deren Ende sich der Tod ein schönes Haus gebaut hat

Christian Ulrich, Mai 2017



Neubrück (für A.)


Ein Mann halb im Fallen, halb im Aufsteigen greift nach dem Licht, das die Nachthelle perforiert. Diamant und Giebel, Zelt und Mund, Silhouettenmenschen, eine Gruppe von Tieren. 
Dein Atmen setzt sich fort bis zum Saum der angrenzenden Bäume. Dein Aufschluchzen ein eigener Raum, den du mit mir ohne mich betrittst. Eine Tonfolge von bronzener Farbe. Keine Verluste, keine Irrtümer mehr, Bekenntnis und Freiheit und Worte aus der Vergangenheit.
Der harte, schmutzige, festgetretene Sand ist unser Lager, der kalte See unser Spiegel, zwei Gesichter, und mein Haar wächst in den schlammigen Grund des Wassers.
Wir verfehlen den abzweigenden Weg im Dunkel der Wechselstunde. Wir haben Begleitung durch leuchtende Tiere, Schwalben und die müden Wildgänse, die am Ufer traumlos durch ihre Tage kommen.
Kein Sinken, nur Schweben und das Gehen auf dem Wasser fällt uns leicht, als wären wir Er, leicht, leichter als an anderen Tagen.

Christian Ulrich, Juni 2017



Und Ostersonntag

Ostersonntag begegnen uns
Im Parc du Cinquantenaire die vier Jahreszeiten
Mit Kriegermütterarmen und schweren Wolkenketten
Und eine Joggerin mit Lilie
Läuft um ein geharktes Beet
zum auf ewig verschlossenen
Pavillon der menschlichen Leidenschaften
Ein Gesicht mit verschütteten Zufahrtsstraßen
Hängt über fleckigem Mantel
Abseits im Schatten der Bäume
Auf einer Bank, die ansonsten frei bleibt
Für den Wind und den Regen
Sitzt Leonidas und hat sich verloren
Zwischen Zweigen und Gusseisen
Und dem müden Mittagslicht einer vergangenen Zeit

Christian Ulrich, Mai 2017


wer spricht

wer spricht mir den text ins ohr
wenn ich nicht mehr weiter weiß
wer richtet die sätze zu fallschnüren
über die mein schweigen fällt
wer wird mir den mund öffnen
und mir die stumpfen zähne spitz feilen
wer wird mir die zunge verbrennen
mit grauem asphalt
wer wird mir zuhören
wenn ich würge am wort
wer wird mir seine stimme leihen
am ende der zeile
für den beginn eines tages

Christian Ulrich_ Januar 2017


Souterrain

Kling, Klang, Schrille, sitzt ein Mann im Kellerloch,
Bis zur Brust in der Erde
Und schaut aus dem Fenster auf Dürers Grasland.
Die Perspektive einer Maus,
Sternzeichen unserer Begegnungen
Im Großstadtdreck und an schmierigen Haltestellen.
-Heile Welt- rufen einsame Tänzer -Heile Welt-
Kappadokien und Asphären und
Das Geweih eines Widders.
Kling, Klang, Schrille rufen die Kinder
Herüber aus ihren Mülltütentipis
Hinter dem Zaun
Und schleifen einen Eisbären durch den Dreck des Schulhofs.

Christian Ulrich_Juli 2016



Zu Ulrich Zieger „Durchzug eines Regenbandes“

Nun habe ich Ziegers letzten Romangruß gelesen, dessen Teile, wie drei kunstvolle Kettenglieder nebeneinanderliegen, da sich ihre unterschiedliche Größe und Beschaffenheit nicht zum Verbund fügen wollen.

Es ist ein Weltbild im kleinen Winkel, ausgestattet mit Ulrich Ziegers tiefer Kenntnis vom Nachbar und Übermieter, vom unbewussten Untermieter, von Frau und Kind, mit seiner Verkettung von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, mit der Skalpierung des Zeitgeistes, mit dem Fahnenschwingen, dem Taschentuchschwingen, dem Verrat, dem langsamen Verfall,  der Endzeit, der Tristesse ohne Hintertür, dem Besäufnis und Chapeau.
Was vielleicht für die heute zweijährigen Leser ein Problem werden könnte, ist die Sättigung mit Bruchstücken von Schlager und die Reihung von Namen von Heroen einer Hitparade, die den Grabstein schon vor den Lautsprecher gesetzt bekam. Wird man ihnen nicht vorsingen müssen, dass Marmor, Stein und Eisen bricht.
Es ist eine mäandernde ungebremste Sprechlust, ein Auf- und Absteigen in ungekannten Terrain, Halluzinationen, Tagträume, seltsame Wendungen, Urknall und seine Entladung, Brechung und Schieflage und der Durchzug eines Regenbandes.
Danke Ulrich Zieger.


Christian Ulrich_April 2016


Glückliche Tage und andere Stücke

Der Husten in Zimmern,
Das Atmen der Leiber im Schlaf
Es liegen Männer und Frauen
Nebeneinander und die Schräge des Bodens
Bestimmt den Neigungswinkel des Traumes
Versteckt die Hoffnung auf Wiederkehr nicht
Nur letztlich das Wissen um die verpasste Ankunft
Wer wird der erste sein
Über uns das schwere Dach von St. Johannis
Wer wird der letzte sein
Unter uns der lehmfeuchte Grund eines Flusses
Passagen des Freigangs, Träume voll Licht,
Fachwerk alter Gedanken, deren
Stützbalken schwimmt
Ruhelos harren wir
In unserem Gewicht aus Muskulatur und Skelett
Die Kühe brauchen kein Au pair

Christian Ulrich_April 2016


die hunde konnten nichts dafür
dass sich die menschen so bescheuert verhielten
was bedeutet das böse reden, wenn zwei sich im kreise drehen
warum sucht man worte aus sieben buchstaben
wie kann man den gedanken an das vergessen vergessen

Christian Ulrich_Januar 2016


Séance

Das Messer richtet sich auf und sticht in raschem Tempo immer zwischen die Finger meiner linken Hand.

Oh! I have all my fingers, the knife goes chop! chop! chop!

Auf dem runden Tisch heben sich die weißen Hände der Personen gegen das dunkle Holz ab, bilden einen Abschluss, wie die Borte eines Tischtuches. Wiederkehrende Ornamentik verschieden langer Finger, abgetrennt von den in dunklen Abendgarderoben steckenden Körpern.  Abgekaute, lackierte und gebrochene Nägel, Adern, Gelenke, gerissene und gefettete Haut, ein angeschmutztes Pflaster. Da und dort ein unmerklicher  Tremor.

Ich höre Atmen, einen neunköpfigen Gleichschritt der Atmung.  Das Ausstoßen der verbrauchten Luft, dann das Einsaugen, das Heben des Rumpfs und der Schultern, die Bewegungen der Lungen.

Der Regen auf dem Weg durch die lichtlose Stadt ließ die kaputten Ledersohlen meiner Schuhe aufquellen. Die Socken sind nass. Die Hose ist feucht, klebt an den Beinen, wie eine kalte zweite Haut.

Die Klinge bewegt sich schneller, dringt leicht in den Tisch ein und hinterlässt kleine Läsionen im Holz. Wundmale, die die Maserung durchbrechen, schmerzhafte Vertiefungen im hochpolierten Material,  sich rasch vermehrende Einstiche in die Versiegelung des Gegenstands.

If i miss the spaces in between my fingers will come off!

Mir gegenüber singt das Mädchen den Begleittext für die Bewegung des Messers. Singt das Lied mit der Stimme meiner Mutter. Mutters Stimme habe ich nur außerhalb meiner Erinnerung gehört, immer hat der Vater gesungen an meinem Bett, weiß jetzt aber sofort, dass sie es ist, dass Mutter es ist, die singt. Ganz kalt die Melodie steigernd öffnet sich der Mund, treibt, weniger mit den Worten, als mit dem Stakkato des Rhythmus die Klinge an.


Und trotz aller Anspannung oder doch wegen dieser Anspannung falle ich in ein Sehen, dass den Gesang nur noch von Ferne hörbar werden lässt. Dieses Sehen, das der Anker in all den Jahren geworden ist, seit ich aus der Stadt fortging, an deren Fluss mich meine Mutter einst ablegte, damit ich von einem Wolf gefunden werde. Mich dort am Ufer ablegte, um fortzuziehen mit der Schwester. Rettungsanker, Ausflucht oder Verteidigung gegen eine Welt, unter der eine Sterbesignatur steht. Flucht in ein Sehen, wie die gleichzeitige Flucht in die Suche nach den Frauen, von denen ich wünschte, dass sie mich so in den Arm nähmen, wie es Mutter getan hätte, dass sie sängen, als wenn Mutter singen würde. Sie nahmen mich fremd in den Arm und sie sangen falsch. Blind wäre ich sofort tot.

So kippen mir alle Formen in die Fläche. Ich sehe das zum Oval gepresste Rund des Tisches, die Negativformen zwischen den Köpfen und Schultern, die sich zu den Ellenbogen hin schmerzhaft verjüngen. Spürbar sind mir Rhythmen, sich wiederholende Proportionen, die sich zu einem Klang vereinen oder dissonant auseinanderbrechen, die Wiederkehr der weißen, spitzwinklig dreieckigen Hemdausschnitte unter dem dunklen Revers, die Antwort des Deckenstucks auf die Form der Tischplatte. Die Nähte der Kleidung in der Brechung der Falten ergeben ein analphabetisches Schnittmuster. Ich kann entscheiden nur Linien zu sehen oder nur Flächen.


Ich sehe Details, Kleinstatome, Zerfaserung und Aufspaltung und kurz darauf sehe ich nur die großen Zusammenhänge. Ich vergleiche die Größe der Fenstereinschnitte mit dem Ausmaß der Tür an der linken Seite des Raumes. Doppelte Fensterkreuze werfen grafische Schatten auf die Dielung des Bodens. Ich kann Farben sehen, hier das schüttere Weißgrau  eines Scheitels, gebleicht vom Alter, und das Blau der Wangen schlecht rasierter Männer, das tintige Schwarz der Wimperntusche und das Graugrün des Schmutzes unter den Nägeln der Finger. Ich sehe das Licht in der vom Blut durchpulsten Mädchenhaut. Ich sehe Dunkelheiten und Licht und Finsternis. Ich sehe Beleuchtung und ihre Reflexe.


And if i hit my fingers, blood will soon come out.


Dieses Sehen, das mich stundenlang an den für andere Menschen unscheinbarsten Orten stehen lässt, mich gefangen nimmt, hat mich letztlich noch einsamer gemacht, als ich es ohnehin schon war. Denn man kann keinem Nichtsehenden Mitteilung machen. Oft, wenn ich über Gebühr lange auf Plätzen und Straßen in der Nähe von Hütten oder größeren Häusern stand, kamen die Bewohner aus ihren Behausungen, misstrauisch und feindlich, um mich zu vertreiben. In unzähligen Momenten wäre ich gern eine von den räudigen, Hundekot fressenden Stadttauben gewesen, denen der Blick auf die Struktur der mäandernden Stadt gestattet ist, die den Flussverlauf mit seinen Brechungen, Schleifen und Verästelungen im Flug erleben. Nun, ich klettere auf Bäume, auch auf Eisenbahnbrücken und Masten, wenn ich von unten genug geschaut habe, um mit jedem Schritt in die Höhe die sofortige Verschiebung der Achsen und Maßverhältnisse zu registrieren. Und natürlich hasse ich das Laub der Bäume im Sommer, das mir den Blick verstellt, und hoffe auf die kupfergrünen, regenschwarzen, einzeln stehenden Novemberbäume. Für die Anderen gibt es lohnende Aussichtspunkte, Museen, Peepshows, Fotoapparate, Ferngläser und Teleskope, doch dies hilft nichts gegen die Blindheit einer Welt, die alles nur durch die beschlagene Scheibe von Begriffen und  Zahlen betrachtet.


Ich sehe die dunkle Kreuzform von Klinge und Griff, wenn das Messer auftaucht vor der in helles Leinen gefassten Brust des Mädchens. Ich sehe die Zick-zack-Kurve seiner Bewegung, ein Diagramm möglicher Verletzungen.

But all the same i play this game, cause that's what it's all about.

Genau vor einer Woche sprach mich, der ich in Versunkenheit in der Nähe eines kleinen Kiosk stand, weil ich das gespiegelte Bild der ziehenden Wolken in einer großen Pfütze betrachtete, der Gastgeber dieses Kreises an. Ein flüchtiger Bekannter, dem ich hin und wieder bei halböffentlichen Empfängen begegnet war. Ich sah in meiner Pfütze unerwartet die Beine eines Mann und seiner Begleitung, so dass ich erschrak und aufblickte. Er begrüßte mich rasch, stellte mir dann das Mädchen an seiner Seite knapp und ohne weitere Namensnennung als das Medium vor, um sofort zu fragen, ob ich denn nicht mein Händepaar für das nächste Treffen zur Verfügung stellen könnte. Zunächst wehrte ich ab. Doch mit Hinweis auf eine vorgeschriebene Anzahl von Personen und auf das Mädchen, das er abermals nur als das Medium bezeichnete, drängte er nach, wirkte nun geradezu verzweifelt, so dass ich nachgab und, mich nach Ort und Uhrzeit erkundigend, zustimmte.


Oh, chop! chop! chop! chop! chop! chop! chop!


Dachte ich an den Tagen danach an die Begegnung, dachte ich ausschließlich an das Mädchen. Meine Erinnerung galt nicht ihrem Gesicht, auch ihrer Stimme nicht, die ich nicht kannte, da sie nicht gesprochen hatte. Der Wind hatte den Kragen ihres Mantels herabgedrückt, so dass ich ihr rechtes Schlüsselbein hatte sehen können. Wenn man mich nach den Frauen in meinen Leben befragen würde, könnte ich nur mit Mühe ihre Namen und ihre Gesichter erinnern, aber ich sehe die Linien ihrer Anatomie, die Form der Gelenke und die sich abzeichnende Muskulatur auf ihren Rücken. So war ich denn heute auch nur in der Erwartung den Hals und die Schultern des Mädchens zu sehen in diese Gesellschaft gekommen.  Nun kenne ich auch ihre Stimme, die die Stimme meiner Mutter ist. Laut singt sie jetzt.

I'm picking up the speed. And if i hit my fingers, then my hand will start to bleed!

Das Messer verletzt mich an den Außenseiten jedes Fingers der linken Hand. Es fällt auf den Tisch. Sofort tritt Blut aus. Mit einer horizontalen und vertikalen Bewegung meiner Hand male ich mit meinen blutigen Fingern ein Gitter auf den Tisch. Die dunklen Einstiche der Klinge lagern in dieser Kartographie, als hätte ich in ihnen Schiffe versenkt.  Schiffe, die herabsinken, wie meine nicht vorhandene Erinnerung an den Gesang meiner Mutter. Ich hebe mit der Zunge das Blut von den Fingern und wische sie mir an der Hose ab. Ich stehe auf und verlasse den Raum. Im Flur suche ich den Hut, der von der Garderobe gefallen ist. Über den Wendelgang der Treppe, in dem auf halber Höhe ein Fallnetz gespannt ist, verlasse ich das Haus. Auf der Straße wende ich mich nach rechts. Ich sehe die Reihung der Laternen und das Trapez des Himmels zwischen den Häusern.
Christian Ulrich_Dezember 2015


Inselsprache

Der hohe Himmel herab
Gebrochen durch das niedrige Fenster.
Das Licht liegt matt
Neben uns auf dem Bett.

Der Abstand am Abend
Stumm auf der Eckbank.
Du sitzt im Norden, ich im Osten.
Was gestrichen gehört
Im deutschen Alphabet,
Weiß der Nachbar,
Nachdem er deinen Namen kennt.

Draußen am Morgen.
Das Wasser ist träge blaugrün,
Als wäre es irgendwo.
Und dann gehe ich
Und hänge unsere schwarze Wäsche
An bunte Klammern.

Christian Ulrich_Juni2015


Es gibt eine Frau (für I.)

Es gibt eine Frau,
Die ist nackt und angezogen
Zwei Frauen,
Die nimmt
Zum Anstreichen des Zauns
Zermahlenen Senf
Und lacht in der Nacht,
Und ruft mich an ihre doppelten Brüste.

Christian Ulrich_März 2015


Waage-Haus

In den Boden geschnitten
Ein Viereck.
In den Scheiben der Himmel.
Ein Haus für die Waage.
Das Dach, die Wände und das Fenster,
Eine Tür.

Steine am Bein.
Vogelfedern in den Händen.

Ich knote die Kabel unter der Erde.
Ich trage mein Gewicht
Auf die Platte aus Stein.
Ich öffne die Tür.
Ich lese das Maß und trage es ein.

Christian Ulrich_November 2014


Beim Lesen von Hermann Broch

Wer ist dieser Schriftsteller, ein Poeta Doctus (J. P. Strelka), in der Mathematik ebenso zu Haus wie in der Psychologie, Philosophie und Literatur? Eine Art Universalgelehrter im zwanzigsten Jahrhundert mit übergreifender, auf das Humanistische zielender Verantwortungsübernahme? Erkennen und Handeln.

Er breitet in seinem "Tod des Vergil" einen merkwürdigen Klangteppich aus. Die niedergeschriebenen Endlosschleifen des sterbenden Schriftstellers sind die Endlosschleifen im Denken und Sprechen des Menschen Broch, aufgeladen mit einem hohen, weihevollen Ton. Der Versuch die eigene endliche Existenz mit dem Unendlichen zu verkoppeln. Nur schwierig kann man dem im Wortsinn und Wortinhalt folgen, man kann sich nur fallen, treiben lassen durch diese Anrufungen, Beschwörungen, Erweiterungen, Verengungen, in ein leises nach innen gerichtetes Sprechen, in diesen seltsamen Sog von Bedeutsamkeiten.

Man spürt das Nachlassen der eigenen Willenskraft, vielleicht wie bei einem langen ritualisierten Gebet, das man mit anhört, aber nicht selber spricht. Oder spricht man nach einer Weile auch selbst?
Auf der anderen Seite gibt es auch das Gefühl der Sättigung, ein Widerstreben. Es ist zu viel, es ist mir zu viel.

Auch Broch reicht es manchmal, abrupt bricht er sein Erhabenheitspathos. Plötzlich setzt er einen Dialog der Straße dazwischen. Figuren der Gosse, stark und primitiv, mit dem Gestank nach Schweiß und Geilheit. Dialoge und kurze Szenen, in denen Spannung stockt und arbeitet, in denen sich Druck entlädt, in denen sich die langen, kompliziert gebauten Sätze auflösen zu kurzen gerufenen Sprachbrücken, zu einem Sprachbellen zwischen den Personen.

In der alten Ausgabe des Buches fand sich ein Zeitungsartikel, hineingetan vom Vorbesitzer, mit der Überschrift "Hermann Broch und seine Redlichkeit". Ein Artikel aus dem Jahre 1961 von Friedrich Torberg.

Dort heißt es, den Schriftsteller selbst zitierend, sein Leben stand unter dem Stern und Unstern der grenzenlosen Hingabe an "die letzte Anstrengung des Traums, der sich selbst erweckt und seine Grenze erkennt". Und weiter schreibt Friedrich Torberg: "Broch seinerseits betrieb die  Suche nach einem haltbaren Wertsystem in einer vom Wertezerfall geschüttelten Welt mit schmerzhafter Direktheit. Er betrieb sie vom Ausgangspunkt Freud wie vom Ausgangspunkt Einstein her, er betrieb sie mit den Mitteln der Erkenntnistheorie wie mit denen der Logistik, es war ihm nichts zuviel und alles zu wenig.".

Zu Broch kam ich über Elias Canetti, der ihn in seiner dreiteiligen Autobiographie als frühen, äußerst wichtigen Gesprächspartner im Wien des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts  erwähnt. Ein Gesprächspartner, der damals in einem Atemzug mit James Joyce und Robert Musil genannt wird. In der öffentlichen Wirkung hat Canetti Broch nun links überholt, von Joyce und Musil in ihrer gesteigerten Wahrnehmung als Jahrhundertfiguren gar nicht zu reden.

Vertrieben durch den Nationalsozialismus, mittellos, aber voller Arbeitsvorhaben, verbrachte Broch die letzten Lebensjahre in Amerika. "Ein Dichter wider Willen", wie ihn Hannah Arendt nennt, wollte er sich nun ganz wissenschaftlichen Untersuchungen in der Psychologie und  Mathematik widmen. Äußere Anlässe lassen ihn dann doch den Roman "Tod des Vergil", einen Erzählband und den Hofmannsthal-Essay beenden.

Der Essay "Hofmannsthal und seine Zeit" ist eine umfassende  Analyse der Zeitumstände vor und nach der Jahrhundertwende 1900 mit dem Fokus auf Österreich und seine Hauptstadt. Eine Zeit, die Broch als eine Zeit des Wertevakuums charakterisiert. Aber vor allen Dingen eine Analyse von Dichtung, der Dichtung und der Person Hofmannsthals, seine Bindung an diese Zeit und seine Loslösung von ihr. Broch findet für die Dezenz und die Zurücknahme in der Offenbarung von Persönlichen  im Werk von Hofmannsthal das schöne Wort von der Ich-Verschwiegenheit.

Ich-Verschwiegenheit, wahrscheinlich gibt es dies im Werk von Hermann Broch ebenso. Und vielleicht war es sogar einer der Gründe, die Literatur an den Nagel hängen zu wollen. Den Exhibitionismus  unserer Tage, Kunstmarkt und lárt pour lárt hätte er verabscheut.

"Und er wußte auch, daß das nämliche für die Kunst zu gelten hat, daß sie desgleichen nur so weit besteht - oh, besteht sie noch, darf sie noch bestehen? - so weit sie Eid und Erkenntnis enthält, so weit sie Menschenschicksal ist und Seinsbewältigung, so weit sie sich am Unbewältigten erneuert, ..."

Christian Ulrich_Januar 2014


Müllkippe

Der einzige Berg,
Den ich sah in Kinderschuhen,
War die Müllkippe
Unweit der Stadt.
Scheiße schwamm im Freibad
Neben Wurstpappe, und Frank
War der Erste vom Zehnmeterbrett.
Ein Bäcker Souterrain
Reichte uns von unten die Kanten
Durchs vergitterte Fenster
Und von oben warf Naujokat Eier
Traten wir vor die Tür.
Die erste fremde Zunge im Mund,
Die feinen Haare
Auf deiner hellen Haut
Erinnere ich, eine Nacht nur
Und du sagtest: Schluss.

Christian Ulrich_Dezember 2013


Brücke (Magdeburg)


Der Bogen schließt sich
Im Spiegel des Wassers
Zum Kreis.
Was ist dein Zoll,
Den du entrichtest beim Übergang?
Eine Brücke im Nebel,
Nebelgrau und der Fluss am Verschwinden.
Die Straßen der Kindheit haben
Neues Pflaster und die Drogerie geschlossen.
Geringer ist die Trennung,
Kleiner geworden mit meiner Zeit.

Christian Ulrich_ Dezember 2013



Fünf Uhr früh (zu Paul Valéry)


Wenn einer, wie Valéry, Frühaufsteher ist, dann steht er auf, wenn das Licht noch nachtgeschwärzt ist und der neue Tag noch nicht zu Bewusstsein gekommen ist. Es ist ein Zwischenzustand zwischen zwei Tagen, der eine Aufhebung und Entwichtung der eigenen Schwerkraft zur Folge haben kann.

Paul Valéry sitzend, auf dem Tisch das, was er selbst Initialkaffee nannte, ein Schreibheft und eine Zigarette. Der Blick zum Fenster, durch das der "Morgenmond" zu sehen ist.

Er hat Tinte und Feder und bildet in sich einen Raum, in dem sich die Gedanken, wie eine geschickt angestoßene Billardkugel, zu bewegen beginnen, sich berühren, die Richtung wechseln, dabei Energie gewinnen und abgeben.

Jede Fixierung von Gedanken ist eine Zäsur, wie es auf der anderen Seite der Antrieb zum Präzisieren, zum Verkürzen, zum Schärfen ist. Wie bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden (Kleist) gibt es auch beim Schreiben ein sich aus sich selbst fortsetzendes Moment der Text- und Gedankenentwicklung.

Paul Valéry geht durch den Raum und raucht. Er denkt an die Nacht und den Traum. Den Traum, den er nicht greifen, bewahren kann und der sich schon beim ersten Gedanken an ihn in ein Abbild dieses Traumes verwandelt.

"Wir kennen den Traum nur aus der Erinnerung. Vor allem ist er Erinnerung."

Sein Denken ist ein flexibles, aus den Schienen springendes Denken, ohne zu Entgleisen. Ein Denken, das ständig bemüht ist den Blickwinkel, ist er genügend ausgeleuchtet, zu wechseln. Problem und Frage behandelt er wie ein Bildhauer, der das Spannungsgefüge seiner Rundumskulptur von allen Seiten betrachtet. Der Gegensatz zum Bildhauer - Valéry zerlegt die Gedankenskulptur zum Schluss wieder, steckt sie neu und anders zusammen und beginnt das Spiel von vorn.

"Jeder Gedanke ist ein Fragment oder eine Ansicht eines Systems von Relationen."

Auch die Lyrik bleibt für ihn immer im Moment des Veränderbaren, des Umformbaren. Immer die Frage, wie wäre es denn auch anders möglich? (Vielleicht rührt die Verachtung des Romans daher.)

Paul Valéry nimmt die Zeichenfeder und skizziert in das vor ihm liegende Heft. Er zeichnet eine weibliche Figur, die ein Pferd führt. Was bleibt von der Berührung zweier Körper? Was bleibt vom Abtauchen, vom Auflösen in der Vermischung zweier Körper?

"Ein blindes verzweiflungsartiges Gefühl, aus dem die Lust nur ein vorläufiges Entrinnen ist. Sie bilden das Eine mit zwei Köpfen, das Janushaupt mit den Gesichtern nach innen. Jeder Kopf will die Augen des andern als Binde"

Auf dem Boden seines Zimmers steht ein ovaler Spiegel, der nach hinten, zur Wand, den eigenen Schatten wirft und nach vorn das Licht auf die Dielung des Bodens. Licht und Schatten.

Er nimmt den Spiegel und sieht das eigene Gesicht, das im Spiegelbild im Zeitraffer die Stadien vom jungen zum alten Mann durchlebt.

Wann fühlt man sich lebendig?

"Leben ist der Zustand, in dem die Möglichkeit zu reagieren aufrechterhalten bleibt."

Valéry verschließt das Tuschefass, löscht das Licht und zieht die Zimmertür hinter sich zu. Es ist sieben Uhr früh.


(Alle Zitate aus: Paul Valéry; "Ich grase meine Gehirnwiese ab", Die andere Bibliothek, 2011)

Christian Ulrich_Januar 2013



Stottern und Schreien (für E. S.)


Immer Laufen und Stolpern. Dann Singen und Rufen. Immer Schreiben und Hören. Dann Weinen und Schweigen. Immer Hocken und  Festhalten. Dann Frieren und Zittern. Immer Brechen und Schlagen. Dann Lieben und Verlassen. Immer Kindermachen und Sterben. Dann Stottern und Schreien. Immer  Stehen und Tanzen. Dann Schwärzen und Weißen. Immer Holen und Tragen. Dann Trinken und Kauen. Immer Leeren und  Kratzen. Dann Graben und Werfen. Immer Fangen und Rudern. Dann Fliehen und Sammeln. Immer Waschen und Trocknen. Dann Fallen und Stützen. Immer Reißen und Falten. Dann Malen und Schwimmen. Immer Brennen und Zudecken. Dann Öffnen und Schließen. Immer Fortgehen und Winken. Dann immer. Immer dann. Immer immer.

Christian Ulrich_Januar 2013



Anordnung


Ein Stoppelfeld, trocken und verödet.
Ein heraufziehendes Gewitter.
Ein Mann, der bis zu den Knien eingegraben ist.
Drei Bretter, die mit Zinkgefäßen bestückt sind.
Die Bretter werden dem Mann angebunden,
In Arm-, Rumpf- und Hüfthöhe, parallel zur Horizontlinie.
Es beginnt zu regnen.

Christian Ulrich_Januar 2013



Der Fluss


Der Fluss ist ohne Ufer.
Beiderseits des Deichs
Ruhen die Gänse.

Christian Ulrich_Januar 2013



Traum einer Freundin I


Sie sitzt mit ihrer Mutter auf einer Terrasse. Eine Menschenmenge kommt aus einer Tür auf sie zu. Daraus löst sich meine Person. Sie steht auf und geht mir entgegen, da sie mich begrüßen will. Ich trage ein orange und rosa gestreiftes Hemd. Als sie mich umarmt, schneiden die Falten des Hemdes in ihr Fleisch, denn das Hemd ist hart und die Bügelfalten starr und fest. Sie blutet und lässt los.

Christian Ulrich_April 2012



Wenige Sätze zu Hans Fallada
      

Fallada ist der Ernstfall. Ein Leben, das nicht zu überleben war. Ein Leben, das man nicht gelebt haben möchte.
Die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit konterkariert vom inneren Chaos, von der Sucht und der Geilheit.
Seine Romane sind alle übervoll gesättigt durch die eigene Biographie.
Psychiatrie, Knast, Verbannung auf dem Lande, eine Leiche im Keller, veruntreutes Geld, Weiber und Suff. Es scheint, ihm ist nichts mehr fremd. Lebenserfahrungen, grubenschachttief, aus denen er zu Tage fördert.
Intuitiv reagiert er, und er registriert dabei sehr genau auch die politischen Veränderungen. Reflektion durch Teilnahme. Im Kleinen sucht er die großen Zusammenhänge und findet sie.
Er hat Humor, Sprachwitz und eine innere Zuneigung zu den Menschen.
Er ist unmodern. Er ist lebendig.
    
Christian Ulrich_September 2011



Meine Liebe zu Joseph Roth


Meine Zeichnerei zu Roth begann mit dem "Hiob", begleitete einen Gast auf dieser Erde - den "Tarabas" und skizzierte "Die Rebellion" eines Kleinbürgers.
Roth rettete die uralte jüdische Erzähltradition, die, bevor die Nazis ihren Erzählern und Zuhörern den Garaus machten, über die Jahrhunderte in den Familien, auf Märkten und Straßen mündlich Verbreitung fand, in ein Exil in der klassischen europäischen Literatur.
Die Geschichten, die er erzählte, hatten in Abwandlung viele andere vor ihm geschildert.
In ihnen gibt es eine lineare zeitliche Entwicklung mit Zeitraffereffekten, die Einstreuung von Wundern, Vorhersehungen und die Aufzählung aller menschlichen Schwächen.
Es gibt die große Liebe, das Vorurteil, Lüge, Neid und Korruption. Es gibt Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Törichte und Kluge. Es gibt das Land und die Stadt. Die weite Reise und den tiefen Fall.
Roth beschreibt die Erlebnisfähigkeit, den Glauben und das Staunen der Menschen am Beginn der bewegten Bilder, aber weit vor der Foto- und Schlagzeilenflut der Zeitungen. Daraus entstehen seine Schilderungen von Varieté, von Attraktionen und den dargebotenen Abnormitäten auf den Jahrmärkten, von Predigten in den Kirchen und die Aufreihung von bösen Zeichen und heilenden Händen.
Die neue, moderne Zeit bricht von außen in ruhige Gefüge ein und bringt Unsicherheit und Verwirrung.
Der Kürze und Schwere des Lebens begegnet er mit märchenhaften Verschränkungen, die uns trösten und versöhnen können mit dem Schicksal seiner Figuren und den Brüchen des eigenen Weges.

Christian Ulrich_April 2011



Zu Peter Weiss


Peter Weiss, so dachte ich manchmal, hat sich verloren in den Grabenkämpfen des zwanzigsten Jahrhunderts und in der Sprache des Kalten Krieges. Aufgerieben zwischen den eigenen und fremden Ansprüchen war er ein Heimatloser, ein Wanderer in den eigenen und in den von Politik und Kapital zugerichteten Welten.
Daraus mußte ein Bruch entstehen mit scharfem Grat, der die Haut aufreißt, wenn man an ihm entlang fährt. Diese Risse hat Peter Weiss zu seinem späten Thema gemacht, immer in der Hoffnung, daß eine gerechtere Welt doch möglich ist.
Peter Weiss hat sich nicht verloren, sondern sich gesucht, erfunden und wiedergefunden in seinen Figuren des Marat oder Hölderlin. Der ewige Emigrant blieb zeitlebens auf der Suche nach Identifikation und Identität. ("Was ist unsere Beziehung zur Kunst, Musik, Literatur, anderes als das Arsenal, das wir in uns haben, oder ein Reservoir von Dingen, aus denen wir ständig unsere Erfahrungen aktualisieren können? Und zwar aus allen Zeitaltern; das ist ja das Großartige der Kunst.", Peter Weiss Im Gespräch, 1986, SV)
Erst in der Lebensmitte öffentlich wahrgenommen, sah er sich unter Zeitdruck.
Wichtig sind mir die frühen Bücher "Abschied von den Eltern", "Fluchtpunkt", "Gespräch der drei Gehenden" und die Notizbücher, in denen er zwischen der Erzählung von nächtlichem Traum und Tagesrealität wechselt.
Das letzte Lebensjahrzehnt arbeitete er ununterbrochen an seiner "Ästhetik des Widerstandes".
Peter Weiss starb am 10. Mai 1982.

Christian Ulrich_April 2011



Jahrein

Das Jahr begann
Mit einer Toten.
Zwei sitzen bei der Mutter
Und sehen nicht.

Jahraus
Grauklar an der Spree.
In mir Schnee
Für dich.
Brückengänger und Möwen
Kreuzen den Fluß.

Christian Ulrich_Januar 2011



Zu "Leviathan oder Die Beste der Welten" von Arno Schmidt

Es sind neben Handlung und Dialog das Aufeinanderprallen stärkster Gegensätze, die dem "Leviathan" als Text eine Richtung geben.
Die Weite der Landschaft - die Enge des Güterwaggons.
Die Kälte draußen - ein fieberndes Kind im Wageninneren.
Der weiße Schnee - Blut und geschwärzte Bretter.
Das Licht des Mondes und die Dunkelheit des Traumes.
Die Gruppe und der Einzelne.
Der Fluß und das Ufer.
Hoffnung, Glaube, Ideologie und Resignation.
Alter und Jugend.
Leben und Tod.
(Es gab vor ein paar Jahren eine Ausstellung von Dieter Goltzsche mit dem Titel "Brücke gehen". "Brücke gehen" ist ein Wortpaar, das ich mit dem "Leviathan" in Verbindung bringen würde.) Die Angst und Verlassenheit nach dem Ende des Weltkrieges, Reste und Abfall, Trümmer und Schutt, Lebende und Tote - all dies wird in dieser Geschichte komprimiert, als wären die Gedanken und Beobachtungen durch eine Müllpresse gelaufen.

Christian Ulrich_Juli 2010 



Zu "Penthesilea" von Heinrich von Kleist

Was mich interessiert, ist in erster Linie doch der Konflikt Mann - Frau.
Oder besser gesagt das Liebesthema. Dies beinhaltet Sehnsucht, Projektion und Verletzung, die Zerrissenheit des Individuums, die widerstreitenden Gefühle, die Enttäuschung, Schmerz und Aggression.
Wobei mir das Ausagieren von aufgestauten Konflikten und von Enttäuschung in Form einer Aggression und Aggressivität nötig scheint. Die Gefühle müssen raus.
Ich denke, die Gesellschaft wird immer normieren, was die Äußerung von Emotionen betrifft.
Sie läßt also bei Kleist eine Eruption von radikaler Verliebtheit ebensowenig zu, wie den in die andere Richtung gehenden Pendelschlag aus Hass und Gewalt.

Dazwischen gibt es viele sexuelle Phantasien, die geprägt sind von dem Wunsch nach wechselseitiger Dominanz und Unterwerfung, auch von körperlicher Verletzung und von physischem Schmerz.

Rosenkranzflechtende Mädchen und eine Frau, die im Verbund mit Doggen einen Menschen zerfleischt, zwischen diesen Gegensätzen bewegen sich die Bilder in diesem so bildreichen Text.

Was mich weiter interessiert, ist der Schluß - mit dem Tod der Penthesilea. Ein Erlösungsgedanke und vielleicht der Wunschtraum jedes Suizidgefährdeten.

"Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder,
Gleich einem Schacht, und grabe, kalt wie Erz,
Mir ein vernichtendes Gefühl hervor.
Dies Erz, dies läut´r ich in der Glut des Jammers
Hart mir zu Stahl; tränk es mit Gift sodann,
Heißätzendem, der Reue, durch und durch;
Trag es der Hoffnung ew´gem Amboss zu,
Und schärf und spitz es mir zu einem Dolch,
Und diesem Dolch reich ich meine Brust:
So! So! So! Und wieder! - Nun ist´s gut.
(Sie fällt und stirbt.)"

Mir scheint, es gibt eine Verbindung zu Kleists eigenem Tod. Man löscht das Leben eines Anderen, eines Geliebten gewaltsam aus, um unter Zugzwang (und mit dem Wunsch zu folgen) der eigenen Tötung die endgültige Zündung zu geben und den Ballast des Lebens loszuwerden. Hier im Stück scheinbar durch den bloßen Willen, schmerzfrei.
Als ich die "Penthesilea" von Kleist las, passierte der Amoklauf von Lörrach. Eine Rechtsanwältin tötet ihren Sohn, erschießt ihren Exmann und nimmt sich dann selbst das Leben.
Gibt es eine Verbindung zu Kleists Stoff?
Ich weiß es nicht.

Christian Ulrich_November 2010



Zu "Penthesilea" II

Bildraum schwarz.
Zugezogener Vorhang. Haare im Gesicht.
Was siehst du?
Schwarze, dunkle Streifen.
Wer bringt mich um? Bringe mich um. Ich bringe mich um.
Zwischen uns Abstand. Ich kann nichts sagen. Kann nichts normal sagen. Kann nichts normal sagen wie alle Anderen. Das Telefon.
Nimm die Haare aus dem Gesicht.
Ich muß immer rückwärts gegen Mauern gehen. Ich muß immer gerade im Kreis gehen.
Ich muß immer gehen.

Christian Ulrich_November 2010




Kreuzsee (für Taska)

Nackt durch Schilf
Im See allein zu zweit.
Eine Sandbank gibt Halt.
Körper leicht
In der Umarmung.
Danach dein Lachen,
Wir schwimmen
Und erreichen das andere Ufer.

Christian Ulrich_Juli 2010



Abwärts die Wolken

Abwärts die Wolken ziehen
Und verschwinden im Fluß.
Die Taube, sie ruft
Ohne Unterlaß fremde Namen.
Ich werde heimgehen
Fort von zu Haus,
Um ferne Regen zu trinken.

Christian Ulrich_Mai 2010



Mach Tür auf

Mach Tür auf.
Nehm deinen Rumpf.
Mach Tür zu.
Stell Rumpf ab.
Mach Licht aus.
Rumpf steht dunkel.
Geh heim.
Denk ans Teilen.
Schlaf wieder nicht.

Christian Ulrich_März 2010




Limmat

Wasser zweigeteilt,
Stauwerk bricht Höhe,
Gelbes Licht.
Bäume mit Ästen
Wie Schaufeln
Beugen sich herab,
Als wollten sie dem Fluß
Wasser entnehmen.

Christian Ulrich_April 2010